Willkommen in Matt Ruffs Lovecraft Country

Willkommen in Matt Ruffs Lovecraft Country
August 17, 2020 Andreas Gloge

Nach meinem Instagram-Post vor etwa 10 Tagen habe ich viele Rückmeldungen erhalten, teils auf Insta, teils auf anderen Kanälen.

Bücherstapel u. a. Lovecraft Country

Es ging darum, welches meiner noch ungelesenen Bücher ich als nächstes lesen sollte. Ihr habt euch für Matt Ruffs Lovecraft Country entschieden. Also hab ich mich am letzten Wochenende hingesetzt und das Buch einfach mal in einem Rutsch durchgelesen.

Andreas Gloge liest Matt Ruffs Lovecraft Country

 


Hier also nun mein versprochener (spoilerfreier) Blogeintrag über Matt Ruff, seine Bücher und abschließend Lovecraft Country:

Matt Ruff und seine Bücher

Während andere Schriftsteller als Fantasy-, Krimi-, Comedy-, Science-Fiction- oder irgendeine andere Form Autoren bezeichnet werden, nennt man Matt Ruff einfach immer wieder gerne Kultautor, was vor allem an seinem ersten Roman liegt: Fool on the Hill. Seine wilde und vor allem spaßige Genre-Mischung steht noch heute in etlichen Bücherschränken und wird gerne genannt, wenn man sich als Ruff-Leser outen will. Ich habe Ruffs andere Bücher später über die Jahre hinweg in der chronologischen Reihenfolge gelesen, wobei ich gestehen muss, dass mir Mirage noch fehlt und somit meinem Stapel der noch ungelesenen Bücher angehört. Das liegt vor allem an den doch sehr gemischten Kritiken, die das Buch erhalten hat. Ich kann nicht leugnen, dass ich mich davon hab beeinflussen lassen. Aber nun kommt es auch bald an die Reihe, versprochen. Und auch auf 88 Namen freue ich mich auch schon sehr, denn der Klappentext verspricht typisches Ruff-Feeling.


Matt Ruff Buchcover 88 Namen

John Chu liebt seinen Job. Als Sherpa begleitet er zahlungskräftige Kunden in Online-Rollenspiele wie das populäre Call to Wizardry und zeigt ihnen die Kniffe des Games. Das Geschäft brummt, und John würde sich als glücklich bezeichnen, wären da nicht zwei klitzekleine Probleme: Zum einen hat seine Ex-Freundin nach einer unglücklich verlaufenen Trennung geschworen, seine berufliche und private Existenz zu vernichten. Zum anderen vermutet er, dass es sich bei seinem neuesten Kunden in Wirklichkeit um den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un handelt, der die virtuelle Welt studieren möchte, um sie für seine politischen Zwecke zu instrumentalisieren. John versucht, der wahren Identität des ominösen »Mr. Jones« auf die Spur zu kommen – und verstrickt sich in ein Komplott, das ihn den Kopf kosten könnte.


 

Wenn man sich mal vor Augen führt, dass Ruff in 32 Jahren „nur“ 7 Romane veröffentlicht hat, so beeindruckt es in gewisser Weise, dass er seit dem Erscheinen von Fool on the Hill (1988) vom Schreiben leben kann, wie er selbst sagt: „Through a combination of timely foreign rights sales, the generous support of family and friends, occasional grant money, and a slowly accumulating back list, I’ve managed to make novel-writing my primary occupation ever since.“ (Hier geht’s zum kompletten Text)

Für mich persönlich ist das auch ein schönes Beispiel, dass es beim Erfolg nicht zwangsweise auf Masse oder die Social Media-Präsenz ankommt, sondern auch auf das gewisse Alleinstellungsmerkmal, das Bücher haben können. Dabei ist jedes Ruff-Buch irgendwie anders. Wo Fool on the Hill und G.A.S. noch vergleichbare Strukturen haben (riesige Backlist an Nebenfiguren, wechselnde Perspektiven, humorvoll-abgedrehte Genre-Mix-Plots) unterscheiden sich seine anderen Bücher in Bezug auf Thema, Erzählperspektive und Aufbau doch ziemlich. Ich und die Anderen hat mich da nochmal ganz besonders beeindruckt. Ruffs Geschichten sind nie vorhersehbar, nie langweilig und immer originell. Dennoch bleibt er irgendwie seinem Ruff’schen Schreibstil treu. Ich will jetzt auch gar nicht groß in die Analysen oder Beschreibungen gehen. Daher hier einfach mein Tipp: Jedes seiner Bücher ist absolut lesenswert!

Matt Ruff Buchsammlung u. a. Lovecraft Country

Fool on the Hill (1988)

G.A.S. Die Trilogie der Stadtwerke (1997)

Ich und die anderen (2003)

Bad Monkeys (2007)

Mirage (2012)

Lovecraft Country (2016)

88 Namen (2020)

 


 

Nun aber zum eigentlichen Grund dieses Blogeintrags:

LOVECRAFT COUNTRY

 

Lovecraft Country Buchcover

Chicago 1954: Atticus Turners Gefühle für seinen Vater waren schon immer zwiespältig. Doch als der verschwindet, macht Atticus sich wohl oder übel auf die Suche. Auch wenn die Spur nach „Lovecraft Country“ in Neuengland führt, Mitte der 50er Jahre ein Ort der schärfsten Rassengesetze in den USA. Mit Hilfe seines Onkels George, Herausgeber des „Safe Negro Travel Guide“, und seiner Jugendfreundin Letitia gelangt Atticus bis zum Anwesen der Braithwhites. Hier tagt eine rassistische Geheimloge, mit deren Hilfe Braithwhite junior nichts weniger als die höchste Macht anstrebt. Matt Ruff erzählt mit überbordender Phantasie und teuflischem Humor die wahnwitzigen Abenteuer einer schwarzen Familie.

 

Angespornt durch meinen Instagram-Post und die Resonanz habe ich die 432-Taschenbuchseiten an einem Wochenende verschlungen. Das allein ist ja schon mal ein gutes Zeichen. Und ja, ich finde das Buch wunderbar. Zugegeben, es hat für mich 1-2 inhaltliche Ausreißer, die ich nicht wirklich gelungen finde, aber das schmälert nicht den tollen Gesamteindruck und die Wirkung, die das Buch auf mich hatte.

Lovecraft Country besteht aus acht thematisch lose zusammenhängenden Kapiteln, die die unheimlichen Erlebnisse der afro-amerikanischen Familien Turner und Dandridge erzählt und mit jedem Kapitel eine andere Figur in Mittelpunkt stellt.

Was alle Geschichten verbindet, sind zum einen die Familienmitglieder und dann vor allem die Verbindung zu einer Geheimloge rund um die weiße Familie Braithwhite und deren unheimlichen Kult der alten Morgenröte. Zuletzt führen alle Stränge wieder in einem Finalkapitel zusammen.

Obwohl der Titel und viele Handlungsfäden Gruselelemente versprechen und beinhalten, ist der eigentliche Horror aber der Rassismus der 1950er Jahre in all seinen grausamen Facetten. Auch Lovecraft war ja ein nachgewiesener Anhänger der „white supremacy“ und somit ist der Titel des Buches durchaus zutreffend.

Die Atmosphäre, die Ruff in den normalen Alltagssituationen erzeugt, gespickt mit etlichen Anspielungen auf reale Begebenheiten von damals, ist hierbei viel näher an Lovecraft und dessen legendärer Grusel-Paranoia-Stimmung als die tatsächlich übernatürlichen Romanpassagen rund um Magie, Science-Fiction, Monster und Geheimlogen. Ruffs fiktionale Pulp-Elemente lockern die bedrückende Realität eher auf und fungieren als Popcorn-Kino, das spaßig-gruselig unterhält und dessen Plots und Höhepunkte immer wieder überraschend schnell aufgelöst werden (keine seitenlangen und ermüdenden phantasmagorischen Showdowns, zum Glück).

Der Rassismus in Lovecraft Country ist unterm Strich also weitaus gefährlicher als das Übernatürliche, nicht zuletzt, weil er auch viel verbreiteter ist und mindestens ebenso tödlich. Dabei geht aber jede Hauptfigur unterschiedlich mit der Situation um. Das Buch lebt aber nicht allein von der Anti-Rassismus-Message, sondern nutzt dieses Gesellschaftsporträt, um interessante Hauptfiguren zu erschaffen, denen man als Leser gerne folgt. Alle Protagonisten haben eine schwarze Hautfarbe und Ruff zeichnet sie zwar als Opfer der Gesellschaft, aber nicht als hilflos oder handlungsunfähig. Es sind ausnahmslos starke Persönlichkeiten, Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen, die sich nicht ihrem Schicksal ergeben, sondern trotz aller Schikanen und Gefahren erhobenen Hauptes ihren Weg suchen. Die weiße Bevölkerung Amerikas kommt hierbei nahezu ausnahmslos schlecht weg, während die dunkelhäutigen Figuren eigentlich alles Sympathieträger sind. Das ist für meinen Geschmack zu viel sprichwörtliche Schwarz-Weiß-Malerei, aber es dient natürlich auch der speziellen Atmosphäre, die erzeugt werden soll, um das Gefühl der Unterdrückung und des Missbrauchs für alle Leser nachvollziehbar zu machen.

Letztendlich ist das Buch in erster Linie ein unterhaltsames, spannendes und vor allem auch witziges Buch, das mich mit viel Freude die Seiten hat weiterblättern lassen. Und das ist ja nun mal immer das beste Kompliment, was man einer Geschichte machen kann: dass man wissen will, wie es weitergeht…

Auf HBO (und Sky) startet ab diesem Monat übrigens die 10-teilige Verfilmung (produziert von Jordan Peele und dem unvermeidlichen J.J. Abrams). Hier der Trailer, der auf jeden Fall visuell schon mal einiges verspricht:

 

It's just me (or at least a 21st century version of me)

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