Staub und Schatten sind wir

Staub und Schatten sind wir
November 27, 2018 Andreas Gloge

Andreas Gloge blickt auf das Meer.

 

In diesem Moment, wo meine Finger die Tasten berühren, bin ich exakt 1.373.569.200 Sekunden auf der Welt. Ich könnte auch sagen 22.892.820 Minuten oder 381.547 Stunden oder…ach, egal, wenn alles gut läuft, war das in etwa die Hälfte meines Lebens. Die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer liegt in Deutschland aktuell bei etwa 80 Jahren, wobei die um 1975 Geborenen sich eher bei 70 Jahren einpendeln. Nun muss man hierzu natürlich den Lebenswandel berücksichtigen, Arbeitsbedingungen, familiäre Grundvoraussetzungen, Krankheitsverläufe etc. und wenn ich mir das alles so anschaue, hoffe ich, an der 80 zu kratzen. Immerhin ist meine Großmutter gerade 98 geworden…

Global betrachtet, ist die Lebenserwartung der Menschen zwischen 1950 und 2017 um knapp 50 Prozent gestiegen. Nichtsdestotrotz, unsterblich geht anders. Und irgendwie drängt sich die Frage auf: Was bleibt von uns? Was bleibt von mir?

Vielleicht habe ich eines Tages Urenkel, und wenn die irgendwann auf alte Fotos von mir stoßen, dann wird ihnen ein Fremder entgegenschauen. Freunde, Familie, Kinder, Enkel und einige Medien können Geschichten und Erinnerungen weitergeben, solange, bis der Verstorebene einfach uninteressant wird und für die nächsten Generationen allmählich in Vergessenheit gerät. Die Ausnahmen sind hier natürlich die Stars der Weltgeschichte, Politik, Film, Musik, Literatur, Kunst und dergleichen. Bleibe ich aber bei mir persönlich, dann erinnere ich mich eigentlich an keine Geschichte und keine Person aus meinem Familienstammbaum, die mehr als zwei Generationen zurückliegt.

Dabei bietet die moderne Welt des 21. Jahrhunderts schon einiges in dieser Hinsicht: Heutzutage kann man Zeit seines Lebens bereits am eigenen Vermächtnis schrauben. Man hat im Gegensatz zu früher unzählige Möglichkeiten, Foto-und Videomaterial zu erstellen und zu hinterlassen. Man kann zusätzlich seine Webseite gestalten, Social Media Accounts anlegen und sogar Posts für „die Zeit danach“ vorplanen. Vermutlich wird man in einigen Jahren auch Star-Wars-mäßige Avatar-Technik bei Amazon oder einer anderen Online-Shopping Größe bestellen können, um nach dem eigenen Tod noch als kleines 3D-Abbild von sich selbst weiter hin und herumhüpfen können.

Das alles wirft in mir die Frage auf: wie sollen sich die Menschen an mich erinnern – und vor allem, zu welchem Zweck?

Warum liegt es mir überhaupt am Herzen, dass sich andere an mich erinnern? Was habe ich persönlich davon, wenn mein Körper bereits zu Staub geworden ist und meine Seele bzw. mein Bewusstsein sich, meiner Vorstellung nach, mit den Grundelementen des Kosmos wie Raum, Zeit, Materie und Energie verbindet, um eine neue Existenz (welcher Art auch immer) zu beginnen?

Diese Fragen kann und muss jeder für sich selbst beantworten. Ich für meinen Teil finde den Gedanken einfach wichtig und schön, etwas zu hinterlassen. Dabei geht es mir weniger um mich als Person, sondern um das, was ich geschaffen habe. Zeit meines Lebens wurde ich ja auch von anderen inspiriert, die lange verstorben sind – vor allem durch ihre Bücher, Musik und Filme. In dieser Tradition würde ich mir wünschen, ebenfalls etwas zu hinterlassen, das berührt, bewegt, nachdenklich macht und zum Träumen anregt. Und das fernab der persönlichen Erinnerung anderer an mich, Andreas, sondern an das, was ich geschaffen habe, die die vielen möglichen Geschichten, die ich noch erzählen kann. Ich denke an Kurzgeschichten, Romane, Ideensammlungen, Drehbücher und so weiter… Irgendwo in diesen Geschichten können meine, bisher fiktiven, Urenkel und andere Fremde irgendwann Fragmente von mir entdecken, über meinen Humor lachen, nachempfinden, was ich spannend, gruselig oder romantisch fand, mit mir durch fremde Welten reisen und so durch das geschriebene Wort vielleicht fühlen, sie hätten mehr als nur ein Leben gelebt, bevor sie eines Tages selbst an ihr Vermächtnis für die Nachwelt denken…

…denn das ist es, was Geschichten tun und woraus diese Welt besteht, ob in Büchern niedergeschrieben oder mit Haut und Haar erlebt: Geschichten öffnen die Tür zum eigenen Bewusstsein, sie verändern den inneren Kosmos und sie erweitern die (hoffentlich) unsterbliche Seele.

That’s not too bad für uns zweibeinige Staub- und Schattengeschöpfe, wenn ihr mich fragt…

 

 

It's just me (or at least a 21st century version of me)

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