Neil Gaimans MasterClass

Neil Gaimans MasterClass
Dezember 22, 2019 Andreas Gloge

In diesem Blogpost werde ich regelmäßig über Neil Gaimans MasterClass-Einheiten berichten: Worum es in jeder der 19 Lessons geht, was ich daraus mitgenommen habe, was ich gelernt habe, was ich darüber denke und überhaupt…

Neil Gaiman und mich verbindet eine sehr lange Freundschaft, auch wenn sie zugegebenermaßen ein wenig einseitig verlaufen ist. Wer mehr darüber erfahren will, schaut einfach mal hier vorbei: Neil Gaiman and me: a brilliant (fictional) friendship

Was ist mit euch?
Kennt ihr Neils MasterClass?
Seid ihr neugierig?
Habt ihr Fragen?

Ich freue mich über eure Kommentare, Fragen und Lebenszeichen jeglicher Art.

 

Neil Gaimans MasterClass

Award-winning author Neil Gaiman teaches his tools for conjuring up original ideas, crafting characters, and bringing new worlds to life.

Meine Erwartungen an die MasterClass sind folgende: ich möchte inspiriert werden, motiviert, und im Idealfall neue Wege kennenlernen, wie ich eine Geschichte auf besondere Weise zum Leben erwecke. Wir alle können jederzeit und jeden Tag immer wieder von anderen lernen und auch darauf freue ich mich: zu lernen. Gleichzeitig bin ich aber auch kein Neuling mehr, sodass mir viele von Neils Tipps oder Schreibübungen sicher bekannt oder gar vertraut sein werden. Das ist okay. Ich denke, ich werde nicht alle Übungen machen und nicht alle Literaturhinweise verfolgen. Das muss aber auch nicht sein. Jeder Autor und jede Autorin pickt sich aus so einer MasterClass die Elemente heraus, die für ihn oder sie Sinn macht. Nun aber los…

Neil Gaimans MasterClass includes a class workbook, which is a downloadable companion full of supplementary information, creative writing g exercises, and printable interactive resources.

Neil Gaimans Werkheft ist ein 94-Seiten starkes PDF. In diesem gibt es für jede der 19 Lessons einige zusammenfassende Worte von Neil, Literaturhinweise, kreative Schreibübungen und noch einige Tipps, die sich gezielt an Romanautoren richten. Das Werkheft spricht daher sowohl Jungautoren an wie auch diejenigen, die gerade mitten im Prozess ihres ersten oder x-ten Buches stecken.

Das PDF ist schlicht und schön gestaltet. Es ist übersichtlich und chronologisch nach den einzelnen Lessons gegliedert und überfordert sicherlich niemanden.

Es wird empfohlen, parallel ein eigenes Notizbuch zur MasterClass zu führen, da einige der Schreibübungen aufeinander aufbauen. Zudem hat man so alle seine Gedanken, Übungen und Fazite beisammen. Dies setzt natürlich voraus, dass man die Übungen handschriftlich macht. Ich persönlich kriege mittlerweile leider schon nach ein paar Minuten Krämpfe in den Fingern bzw. kann meine eigene Handschrift kaum noch selbst lesen, sodass ich dieses Notizbuch rein digital verwalte und führe. Was auch völlig okay ist.

Neils Video-Lessons finden in einem sehr ruhigen Ambiente statt. Er sitzt vor einer (seiner?) Bibliothek in einem halbdunklem Raum, schaut einen direkt in die Augen und spricht mit seiner unverwechselbaren Stimme, langsam und akzentuiert. Für manchen ungeduldigen Geist mag Gaimans Art fast schon nervig sein, denn er lässt sich oft viel Zeit beim Sprechen, aber ich persönlich genieße das sehr. Ich empfinde seine Stimme und Sprache als extrem angenehm und auf eine gewisse Art und Weise stets sehr beruhigend und erdend.

Wer sich bereits mit ihm beschäftigt hat, wird viele Anekdoten, Antworten und Tipps bereits aus seinem Blog, Büchern, Interviews oder YouTube-Videos kennen. Aber mich stört das nicht im Geringsten. Denn hier kommt alles nochmal komprimiert und fokussiert auf spezielle Fragestellungen bezüglich des kreativen Schreibens zusammen.

Als dritten Aspekt möchte ich noch die Community nennen. In diesem offenen Forum der MasterClass kann man sich ein Profil erstellen und mit anderen MasterClass-Studenten auf der ganzen Welt in Kontakt treten. Bezogen auf den Kurs mit Neil Gaiman kann man z.B. Schreibübungen anderer Studenten verfolgen, sofern sie diese veröffentlicht haben. Man kann sich auch über einzelne Lessons und die MasterClass im Allgemeinen austauschen. Man kann miteinander sprechen, Kontakte knüpfen oder einfach verfolgen, was andere Autoren so denken und tun und wie sie arbeiten. In der Neil-Gaiman-MasterClass-Gruppe sind aktuell über 21.000 Mitglieder (während die anderen MasterClass Dozenten eher vierstellige Zahlen vorweisen können – soweit ich das überblicken kann).


01 Introduction

Meet your new instructor: Neil Gaiman, one of the most prolific storytellers of our time. In his first lesson, Neil explains why he loves to teach and how he wants to encourage you to tell stories that matter.

Die Einführung ist genau das, was sie verspricht: ein kurzes Vorwort, nicht mehr, nicht weniger. In einem nicht mal fünfminütigen Video mit bildhaften Stimmungsimpressionen und ein paar kurzen Statements von Neil am Ende wird die zu erwartende MasterClass und Neils Intention zusammengefasst. Ist ganz nett, aber wahrlich nicht mehr als ein Appetizer und zweiter Teaser.


02 Truth in Fiction

One of the central tools of literature is using the “lie” of a made-up story to tell a human truth. Neil shows you how to make your story’s world—no matter how outlandish—feel real to readers.

Das nächste Video ist mit seinen knapp 20 Minuten schon deutlich länger. Neil Gaiman erzählt von Coraline und dem Ozean am Ende der Straße. Er spricht über Wahrheit in Fiktion und dass Themen, Charaktere oder Plots aus seiner Sicht persönlich und wahr sein müssen, um Leser zu berühren – unabhängig davon, ob sie in einer fiktiven Welt mit Monstern, Geistern oder unrealistischen Spielorten stattfinden. Zudem wird als Aufhänger für Geschichten die berühmte Frage gestellt: „Was wäre, wenn…?“ Was wäre, wenn die Reformation nie stattgefunden hätte, oder die Nazis den Krieg gewonnen hätten, oder in Alaska ein jüdischer Staat errichtet worden wäre und so weiter.

Hierfür gibt es jede Menge Literaturtipps, um zu erforschen wie andere Autoren und Literaturwissenschaftler über die Vermischung von Bekanntem mit Fiktionalem denken bzw. diese literarisch umgesetzt haben. Wie fühle ich mich bei diesen „Was wäre, wenn…?“-Fragen? Was lösen sie in mir aus?

In diesem Sinne zielen auch die Schreibübungen klar auf die eigene Biografie ab. Das wird so manchen einiges an Überwindung kosten, über ganz private Dinge zu schreiben und diese dann im Nachhinein zu teilen oder zumindest mit sich selbst zu reflektieren. Der erste Schritt zur Therapie ist damit getan. Gleichzeitig soll man mittels dieser ersten MasterClass-Schreibübung erkennen, was einen als Mensch und Autor persönlich antreibt, verfolgt, beschäftigt, ausmacht und diese Elemente nach eigenem Gutdünken in die eigenen Geschichten verpflanzen. Es geht also nicht zwangsweise darum, dass man als Autor seine Geschichten stilistisch oder inhaltlich optimiert, sondern dass man erkennt, welche Gedanken und Gefühle einen antrieben und wie diese in Prosaform möglichst kreative Gestalt finden können.

Ich habe die Übungen zugegebenermaßen noch nicht niedergeschrieben, aber ich habe mir zu den Fragestellungen dennoch Gedanken gemacht, die mich zu neuen Story-Aufhängern und zu mehr Charakterfeinschliff in einem meiner aktuellen Projekte inspiriert haben.


03 Sources of Inspiration

Neil believes that even old stories can be approached from new angles. Learn how to create your own “compost heap” of inspiration and how to draw from your experiences to make a story uniquely your own.

Video Nummer 3 ist etwa 16 Minuten lang. Es geht um die legendäre Frage, wo Autoren ihre Ideen herbekommen. Zum einen soll man täglich mit offenen Augen und Ohren durchs Leben gehen, den eigenen Freunden zuhören, Fremde beobachten, Liedtexte analysieren, Zeitungsmeldungen studieren u.v.a., um dann alles Gesammelte, was interessant genug ist, auf einer Art Ideen-Komposthaufen zu lagern, bis daraus irgendwann etwas Kreatives erblüht.

Neil findet hierfür, wie immer, amüsante Anekdoten und klare Antworten bzw. Empfehlungen. Eine Strategie kann z.B. sein: Nimm zwei Themen, Figuren, Mythen, Dinge und füge sie zusammen. Je größer der Kontrast zwischen diesen beiden Elementen, umso spannender vermutlich der Storyaufhänger. Gleiches gilt für bekannte Geschichten, seien sie real oder z.B. alte Märchen. So wird das Märchen um Aschenputtel ins China des 21. Jahrhunderts verpflanzt (Cinder), Shakespeares Henry IV. mit italienischen Einwanderern im Nachkriegsamerika umgesetzt (Der Pate) u.v.a.

Hierzu schlägt Neil vor, bekannte Historien oder Geschichten bewusst zu hinterfragen und nach Ungereimtheiten zu suchen, um so eine frische Perspektive auf Altbekanntes zu erhalten. Seine Interpretation von Schneewittchen (Snow, Glass, Apples) oder die lovecraftsche Sherlock Holmes-Story A Study in Emerald sind zwei gelungene Beispiele.

Die Schreibübungen sind in diesem 3. Teil der MasterClass bereits um einiges umfangreicher. Sie zielen hier darauf ab, den eigenen kreativen Komposthaufen zu etablieren und zu füttern. Wer dies gewissenhaft tun und verfolgen möchte, wird sicherlich einige Tage des kreativen Schreibens und Brainstormens damit verbringen. Ich habe bereits einen solchen „Komposthaufen“, doch hat mich die Lesson dazu ermutigt, diesen nochmal gründlich auszumisten und wieder aufzufüllen.


04 Finding Your Voice

Your writer’s voice is what makes it possible for someone to pick up a page of text and recognize that you wrote it. Learn how to develop your voice and how to overcome the fear of making mistakes.

Im vierten Teil der MasterClass spricht Neil Gaiman etwa 15 Minuten lang über die eigene Stimme. Hiermit meint er nicht, den Stil einer Geschichte (das wäre eher Technik), sondern die Attitüde dahinter, die Seele (also die Botschaften, Schwerpunkte, Hintergründe, die dem Autor wichtig sind). Damit schlägt er im Grunde in dieselbe Kerbe wie bei Kapitel 2: make it personal! Und ganz wichtig: finish things! Durch das Vollenden von Geschichten lernt man, was funktioniert und was man überhaupt erzählen wollte. Nur durch das Beenden und manchmal auch das Beenden mit Bedauern oder der Erkenntnis, dass die Story ihre Fehler hat, manifestiert sich der Lerneffekt fürs nächste Projekt und damit auch die Kraft und Lautstärke der eigenen Stimme. Fünfzig angefangene aber nie beendete erste Kapitel mögen vielschichtige Gedanken und Kreativität beweisen, aber ein von Anfang bis Ende beendetes Projekt hilft dem eigenen Autorendasein hundertmal mehr weiter.

Die dazugehörigen Schreibübungen haben daher viel mit Selbstreflexion und dem eigenen Kanon als Schriftsteller zu tun. Es geht darum, den Stil eines anderen Autoren zu imitieren, um zu sehen, was er/sie weshalb so geschrieben hat und wie sich das für einen selbst anfühlt. Gleiches gilt für die Leseempfehlungen, die außerhalb der eigenen Komfortzone und Erfahrungshorizonte stattfinden sollen, um rein selektiv daraus einzelne Passagen zu lesen und festzustellen, was einem an der jeweiligen Autorenstimme gefällt oder missfällt – und warum das wohl so ist.


Zwischenfazit nach 4 von 19 Lessons

Nach den ersten vier Lessons mache ich erstmal einen Break. Ich möchte Gelerntes verarbeiten und sacken lassen und vielleicht die ein oder andere Übung oder einen Tipp nochmal tiefergehender verfolgen. Außerdem habe ich auf dem Schreibtisch noch eigene Projekte, die dringend weitergeschrieben werden wollen und mir jeden Tag ein schlechtes Gewissen machen. Daher ist das gewissenhafte Absolvieren der MasterClass auch immer mit gutem Zeitmanagement verbunden.

Schon jetzt aber kann ich sagen, dass mir die MasterClass gut gefällt. Mir hat sie vor allem schon jetzt geholfen, einige meiner Charaktere in laufenden Schreibprojekten klarer zu erkennen sowie über Kontraste, Settings und Hintergründe nachzudenken und diese neu zu hinterfragen. Somit hat Neil es in den ersten vier Lessons bereits geschafft, mich für meine eigene Stimme zu sensibilisieren und mich zu inspirieren. Ich freue mich auf mehr.


05 Developing the Story

Every story has a big idea. Learn how to find a big idea that’s meaningful to you, as well as how to create conflict and compelling stakes for your characters.


06 Story Case Study: The Graveyard Book

Neil uses his young adult fantasy novel, The Graveyard Book, to illustrate how character motivations serve as the essential building blocks of a compelling plot.


07 Short Fiction

The short story is an ideal format for risk-taking. Neil teaches you how to focus your scenes and descriptions for maximum impact.


08 Short Fiction Case Study: “March Tale”

Using “March Tale” as an example, Neil shows you how to expand your narrative by creating conflict for your protagonist and how to bring your story to a satisfying climax.


09 Dialogue and Character

Neil teaches you how to write realistic dialogue, how to listen to and trust your characters, and techniques to help readers remember your characters.


10 Character Case Study: “October Tale”

Neil explains the technique of bringing a character to life by putting them in an unfamiliar situation that creates tension.


11 Worldbuilding

Learn Neil’s philosophy of worldbuilding, including how to create compelling and believable settings for your novel, and how to avoid the common pitfalls many inexperienced writers make.


12 Descriptions

Neil shares his techniques to liven up descriptive prose, including cold opens, withholding information, finding emotional weight, and choosing memorable details.


13 Humor

Neil shows how he uses humor in his work. He includes a close look at his novel Anansi Boys to illustrate his personal techniques such as “sherbet lemons” and “figgins.”


14 Genre

Readers’ expectations are intrinsically tied to genre. Neil explains how an understanding of your story’s genre can help you provide delightful surprises to your audience.


15 Comics

Writers don’t need to shy away from comics just because they’re not illustrators. Neil demonstrates his process of plotting and scripting a comic, using an award-winning issue of Sandman as an example.


16 Dealing With Writer’s Block

Every writer faces times when they’re stuck. Neil talks about some of the difficulties of the writing life and gives ideas about how to get through them.


17 Editing

Neil gives advice about the editing process, including why it’s important to take time away from a project and to get feedback from a trusted reader.


18 Rules for Writers

In his rules for writers, Neil talks about striking the right balance between humility and confidence, as well as the need to stay organized and devoted to daily work.


19 The Writer’s Responsibilities

Neil concludes with a deeply personal discussion of the responsibilities that people who create art have to their audience and what this means for humans as a whole.

 

It's just me (or at least a 21st century version of me)

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