Neil Gaiman and me: a brilliant (fictional) friendship

Neil Gaiman and me: a brilliant (fictional) friendship
Dezember 22, 2019 Andreas Gloge

THE FIRST TIME
Das erste Mal, das ich mit Neil Gaiman in Berührung kam, war 1997 durch NIEMALSLAND. Die Geschichte beruhte auf Gaimans Drehbüchern für die gleichnamige BBC-Miniserie, die aber wegen Budgetproblemen sehr viele qualitative Abstriche hatte machen müssen. Das Buch war gerade frisch auf den Markt gekommen und meine Mutter hatte es mir zum 22. Geburtstag geschenkt. Ich habe NIEMALSLAND in einem Stück verschlungen. Es war eine sehr geradlinige Geschichte vollgepackt mit skurrilen Figuren, bunten Spielorten und einem ganz eigenen morbiden Charme. Gaiman öffnete die Tür zu einer Parallelwelt unterhalb Londons, die mich faszinierte und von der ich einige Ideen in meine damalige Rollenspielrunde übernahm.

Taschenbuchausgabe von Neil Gaimans "Niemalsland"

DON’T I KNOW YOU?
Da es das Internet so wie heute damals nicht gab, verlor ich Gaiman erstmal schnell wieder aus den Augen. Erst ein wenig später erfuhr ich von seinen Comicserien THE BOOKS OF MAGIC und SANDMAN. Während ich die ersten las und sie mir eigentlich ganz gut gefielen, schob ich SANDMAN irritiert beiseite, weil mir die Bilder zu abgedreht und die Storyline zu kompliziert wirkte. Stattdessen besorgte ich mir irgendwann seine Kurzgeschichtensammlung DIE MESSERKÖNIGIN (engl. SMOKE AND MIRRORS) und begann auf diese Weise, die gaimanartige Vielfalt der gaimanschen Phantasie besser zu verstehen. Erneut zogen mich daraus einige (nicht alle) Geschichten in ihren Bann. Daher fiel mein Blick auf sein nächstes Buch STERNWANDERER, das wieder ganz anders war als die vorigen Werke. Aber erst mit dem Internet und Gaimans (fast täglichem) Bloggen zu AMERICAN GODS hatte er mich um das Jahr 2002 irgendwann endgültig am Haken.

Neils Journal findet ihr hier.

HOOKED
Ich war eher zufällig über seine Webseite und den Blog gestolpert. Doch ehe ich mich versah, richtete ich mir sein Journal als Startseite im Browser ein und startete oder beendete so jeden neuen Tag mit einer kurzen Prise Gaiman. Mir gefiel seine Stimme als Geschichtenerzähler, aber fast noch besser gefiel mir seine Stimme als Mensch. Zusammengenommen war das eine schwer zu widerstehende Kombination für einen ambitionierten Hobbyautor wie mich in meinem stillen Kämmerchen. Als später dann YouTube dazu kam, entdeckte ich immer mehr, wie sehr mich Neils ruhige, geistreiche, pointierte und charmante Art ansprach. In unfassbar einfachen Worten verstand er es, auf komplexe wie auch nervige Fragen immer freundlich und respektvoll einzugehen und spannende Themen rund ums Leben und Schreiben höchst immer höchst treffend und gleichzeitig amüsant zu erörtern. Ich traf ihn im Laufe der Jahre einmal bei einer Lesung und Autogrammstunde, aber der Fanboy in mir brachte nur Erröten und Stottern heraus, worauf Neil mir freundlich-wie-immer zulächelte und dann den nächsten in der Reihe begrüßte.

Signierte Ausgabe von Neil Gaimans "Fragile things"

FULL FRONTAL NERD
Mittlerweile war es sowas wie Pflicht für mich geworden, einfach alle seine Bücher zu kaufen. Von FRAGILE THINGS über AMERICAN GODS, ANANSI BOYS oder CORALINE. Jedes war anders. Jedes war besonders. Und selbst, wenn mir nicht alles von ihm gefiel, so freute ich mich immer wieder im Voraus auf die nächste Veröffentlichung. Denn Neils Geschichten hatten eigentlich ausnahmslos faszinierende Aufhänger, auch wenn sie oft von mythologischen Backgrounds und Symbolik, sowie skurriler Atmosphäre überschattet wurden und die eigentlichen Handlungsstränge für meinen Geschmack manchmal zu stark in den Hintergrund drängten. So hatte ich auch meine Probleme mit seinen BATMAN-Geschichten oder den Drehbüchern zu BABYLON 5 und DOCTOR WHO. Auch das GRAVEYARD BOOK konnte mich so nicht richtig packen und zu meiner Schande muss ich gestehen, GOOD OMENS bis heute nie zu Ende gelesen zu haben (obwohl ich Terry Pratchetts Scheibenweltromane in meiner Jugend verschlungen habe) – dabei sei allerdings erwähnt, dass ich die neue Verfilmung richtig, richtig gut finde! Auch MIRRORMASK (wieder so ein Spagat zwischen limitiertem Budget und Story) hat mich lange beschäftigt, weil ich den Film und Dave McKeans Vision irgendwie faszinierend fand und mir zugleich dennoch so viel fehlte.

Aber wie Neil selbst mal sagte: “Perfection is like chasing the horizon” und “The worst thing you write is better than the best thing you didn’t write.” In diesem Sinne sammelte ich weiter und weiter, egal ob auf Deutsch oder Englisch. Es folgten Comics und Graphic Novels wie 1602, ETERNALS, MR. PUNCH oder MURDER MYSTERIES, alle seine Gedichte, Kinder- und Bilderbücher wie CRAZY HAIR, THE WOLVES IN THE WALLS oder die CHU-Reihe, dann die DVDs seiner Verfilmungen, Hörbücher und Sekundärliteratur und schließlich THE OCEAN AT THE END OF THE LANE, was mich mit seiner Kraft endlich mal wieder von Anfang bis Ende packte und durchschüttelte. Natürlich durchstöberte ich parallel YouTube nach Neils Interviews oder anderen Auftritten.

Besonders schön und inspirierend fand ich auch THE VIEW FROM THE CHEAP SEATS, ein Sammelsurium aus Non-Fiction, Vorworten und Gedanken rund ums Schreiben und das bunte Drumherum, das sich Leben nennt. Ebenso kann ich jedem die wunderschön gestaltete Künstlerbiografie THE ART OF NEIL GAIMAN nur wärmstens ans Herz legen. Inspiration pur!

Neil Gaimans "The art of Neil" als Hardcover

SANDMAN IN BOXES
Schließlich, mit Anfang 40, war es dann Zeit für SANDMAN. Ich besorgte mir die ersten vier ABSOLUTE SANDMAN Editionen im Kartonschuber mit Kunstledereinband und las sie über mehrere Wochen nacheinander durch. Mystisch, episch, seltsam, faszinierend, irritierend, verstörend, langweilig, packend, plakativ, subtil, hintergründig, oberflächig, überflüssig, genial, es war alles dabei. Und irgendwie wunderte es mich nicht, denn SANDMAN war als Serienformat erschienen und das zeigt sich sowohl in Gaimans experimentellen Ideenoutput als auch in der extrem schwankenden Qualität der Episoden. So eine Dynamik kannte ich aus meiner Zeit als Drehbuchautor für Hörspiele, weswegen ich hier bei SANDMAN eine ganz besondere Affinität für die investierte Kreativarbeit entwickelte, wenngleich mich die Serie als Ganzes nicht zufriedenstellte. Auch das Prequel OVERTURE konnte mich nicht überzeugen: zu viel mythischer Unterbau, zu wenig Story. Aber das ist mein Geschmack, und ich weiß, Hunderttausende und mehr Menschen da draußen sehen das anders. Und das ist auch völlig okay.

DOES THIS MAKE ME HAPPY?
Nach meinem Umzug von Köln nach Aachen entschieden Martina und ich uns vor etwa anderthalb Jahren einfach mal alles auszumisten, was man seit Jahren mit sich herumschleppt. Ich ging also unter anderem auch die Bücherregale durch und fragte mich in bester Marie Kondō-Manier: Was macht mich glücklich, wenn ich es in den Händen halte? Und was kann ich ruhigen Gewissens loslassen? Im Zuge dieser materiellen Entschlackungskur sagte ich auch dem Großteil meiner Gaiman-Sammlung Lebewohl. Ich wollte nicht mehr Sammeln ohne Sinn dahinter. Ich wollte, dass alles, was im Regal stand, mir gefällt und mir Lust macht, es gegebenenfalls nochmal zu lesen, anzuhören oder anzuschauen. So haben mittlerweile tatsächlich nur noch die Dinge einen Platz im Regal, die auch einen Platz in meinem Herzen haben:

Neil Gaiman Bücher im Bücherregal

Auch ist Neils Blog schon lange nicht mehr meine Startseite (er füttert ihn eh nur noch sehr selten). Stattdessen schaue ich regelmäßig bei tumblr oder YouTube vorbei und schaue, was er so treibt und schreibt.

Neils Journal findet ihr. 
Hier geht’s zu Neils tumblr-Account.

Man könnte also sagen, dass meine Beziehung zu Neil Gaiman erwachsen geworden ist. Ich bin nicht länger Fanboy oder Sammler um des Sammelns willen. Ich sehe mich nicht in der Pflicht, alles toll zu finden, was er schreibt oder sagt. Aber ich mag ihn. Nach wie vor. Sehr sogar. Ich fühle mich ihm als Autor und witzigerweise auch als Mensch nach über zwanzig Jahren einfach sehr verbunden. Es ist vergleichbar wie mit einem alten Freund, den man ab und an wiedertrifft und dann ist es sofort so, als hätte man sich gerade erst gestern gesehen. And that’s the simple beauty of me and my brilliant (fictional) friendship with Neil Gaiman.

“Fiction can show you a different world. It can take you somewhere you’ve never been. Once you’ve visited other worlds, like those who ate fairy fruit, you can never be entirely content with the world that you grew up in. Discontent is a good thing: discontented people can modify and improve their worlds, leave them better, leave them different.”
– Neil Gaiman –

Epi(b)log: BRING IT ON, 2020

THEATRE
Nun habe ich aktuell zwei Gaiman-Events, auf die ich mich freue. So werden Martina und ich Anfang des Jahres in London die National Theatre Inszenierung von The Ocean at the End of the Lane sehen, die (Stand heute) wohl nur wenige Wochen laufen wird und über die Neil jüngst gebloggt hat.
Nachtrag: Hier mein Resümee dieses ganz besonderen Abends:

 

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On New Year’s Day @_thisusernameisalreadyinuse_ and I were lucky to see an adaption of @neilhimself ‘s The Ocean at the End of the Lane, shown at the @nationaltheatre Dorfman Theatre in London. | The Dorfman Theatre is a very intimate place, 400 seats, all-black and everyone close to the stage. This helps a lot getting sucked into the special atmosphere of the play. The play’s story and dialogue differs a bit from the novel, but every plot change makes sense. | There are no real pauses between scenes and one setting merges into the next quite seamlessly (like a dance, really) which strengthens the idea that everything is connected: the ordinary world and the supernatural. Thereby the show becomes one hallucinogenic ride with astonishing lighting, haunting musical pieces, a marvelous soundscape and a lot of clever stage magic. | The actors delivered great performances without any exceptions and the stage design, costumes and puppetry work gave the finishing touch. I had wondered beforehand how they would pull it off when the boy and Lettie are diving into the ocean near the end – but they did it in the simplest and nevertheless most fantastic and beautiful way. | The Ocean at the End of the Lane is funny, scary, imaginative and at every moment surprising. Thanks to the whole team for almost three hours of near-perfect entertainment. . . . #theatre #theater #theatreplay #theaterstück #neilgaiman #neilgaimanbooks #theoceanattheendofthelane #nationaltheatre #dorfmantheatre #fantasy #fantasyliterature #london #magic #enchanting #surreal #joelhorwood #katyrudd #flydavis #jherekbischoff #samuelblenkin #marlisiu #pippanixon #josiewalker #justinsaling #carlysspeer #jadecroot #stage #adaptation #stageentertainment #stagemagic

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Mehr über das Theaterstück könnt ihr auf der Webseite des National Theatre London lesen. Neil war auch in die Produktion involviert und was er Spannendes zu berichten hat, könnt ihr hier lesen. Ebenfalls sehr berührend ist sein Resümee zur Presse-Premiere:

The press night of the National Theatre production of Ocean at the End of the Lane was wonderful. Also, emotionally gruelling. I sat between two women who both cried a lot, and a reviewer next to them who was doing fine until tears started splashing on his notebook. It’s not that it’s sad, exactly, more that it can hit you right in the feels. (…) This is far and away my favourite of any of the adaptations of my stuff people have made. I just wish more people were going to be able to see it.
– Neil Gaiman –

Promo zum Theaterstück "The ocean at the end of the lane"

MASTERCLASS
Außerdem werde ich in den kommenden Tagen mit seiner MasterClass beginnen. Das steht schon seit Monaten auf meinem Plan. Weil ich neugierig bin. Weil ich ihm gerne zuhöre. Und weil ich sicher noch einiges lernen kann und mich (wie immer bei Gaiman) auf Inspiration und Motivation freue. Es gibt insgesamt 19 Episoden, ein Workbook sowie anderes Zusatzmaterial. Ich weiß noch nicht, was mich da genau erwartet. Aber ich bin aufgeregt und gespannt, ganz so wie beim Aufschlagen der ersten Seite einer neuen Neil-Gaiman-Geschichte.

Hier geht’s zu Neils MasterClass

Wie Neil es mal so treffend formuliert hat: “There are better writers than me out there, there are smarter writers, there are people who can plot better – there are all those kinds of things, but there’s nobody who can write a Neil Gaiman story like I can.” Und das gilt im Grunde für uns alle, die wir schreiben, Musikmachen oder eine andere Form der Kunst praktizieren, sodass ich ebenfalls sagen kann: “There’s nobody who can write an Andreas Gloge story like I can.” Zum Guten wie zum Schlechten 😉

Masterclass von Neil Gaiman

Was ist mit euch?
Was sind eure Erfahrungen mit Neil Gaiman?
Kennt ihr seine MasterClass?
Seid ihr neugierig?
Habt ihr Fragen?
Wollt ihr mich dabei begleiten?

Dann schreibt mir doch einfach in die Kommentare und folgt meinem Blog: Neil Gaimans MasterClass

In diesem Sinne, vielen Dank fürs Durchhalten und bis bald, hoffentlich…

It's just me (or at least a 21st century version of me)

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