Lebenslang Grün-Weiß

Lebenslang Grün-Weiß
Juli 7, 2020 Andreas Gloge

Zuerst einmal muss ich festhalten, dass ich für mein grün-weißes Blut ja nun wenig kann. Ich wurde in Bremen geboren und fast meine gesamte Familie väterlicherseits war Werder-Mitglied, hat dort in der Jugend gekickt,  später selbst Mannschaften trainiert und dies und das und überhaupt. Mir wurde es sozusagen in die Wiege gelegt, woraus später etwa 14 Jahre Vereinsfußball rund um Bremen (aber niemals bei Werder) resultierten und ungezählte Stunden unermüdliches Gekicke auf Schulhöfen, Wiesen und in Sporthallen. 

Meine ersten richtigen Erinnerungen an Werder Bremen beginnen im Grunde mit den Jahren nach dem Wiederaufstieg 1981, als Otto Rehhagel die Mannschaft im Winter übernahm und und dann reihen sich in meine Erinnerung einfach jede Menge Vize-Meisterschaften hinter den Bayern sowie einige unvergessliche Pokalabende im Nieselregen unter Flutlicht. 

Viele Spielernamen sind mir bis heute im Gedächtnis geblieben, wenn auch chronologisch total durcheinander gewirbelt: Rudi Völler im Sturm, Burdenski zwischen den Pfosten, Uwe Reinders mit seinen gefühlten 300-Meter-Einwürfen, Michael Kutzop (du hast dich unsterblich gemacht – leider). Auch Thomas Schaaf gehörte dazu, Benno Möhlmann, Norbert Meier, Andreas Herzog und natürlich unser Iceman Rune Bratseth. Gegen Frank „Otze“ Ordenewitz durfte ich später mit 22 Jahren sogar selbst mal kicken,, als er für den ambitionierten Landesligisten Rotenburger SV seine Stiefel schnürte und uns im Pokal die Hosen auszog. An der Seitenlinie des Gegners stand zudem als Spielertrainer unser grün-weißer Weltmeister Günter Hermann, der kurz vor der Halbzeit noch warnend übers Feld rief: „Passt mir auf den Kleinen auf!“ Der Kleine, das war ich (und die Beleidigung des Weltmeisters erfüllt mich mit Stolz – vor allem, weil ich mit meinen 170 cm einen satten Zentimeter größer war als er). Zur Halbzeit stand es noch 0:0. Ein Achtungserfolg. Aber Otze knipste in der zweiten Hälfte dann locker ein paar Mal, und alle weiteren Erinnerungen an das Spiel sind erfolgreich aus meinem Gedächtnis getilgt. Nur ein Lächeln blieb…

Als ich in die Pubertät kam, wurde Werder immer erfolgreicher. Ob und wie das miteinander zusammenhängt, darüber mag jeder seine eigenen Schlüsse ziehen. Werder gewann Meisterschaften und Pokalfinale und unfassbare Pokal-Krimis, die im ganzen Land als „Wunder von der Weser“ gefeiert wurden. Ich glaube, es war dann der Pokalsieg 94, als ich mit meinem Vater, Onkel und Opa (alles Werder-Veteranen) auf dem Rückweg von Berlin auf einem Rastplatz an der Autobahn Halt machte. Dort parkte auch der Werder-Bus (kein Zufall) und ich durfte inmitten einer ausgelassen feiernden und ausgiebig auftankenden Werder-Crew einmal den (in meiner Erinnerung) echt schweren DFB-Pokal hochhalten und einen Schluck daraus trinken. Über mögliche Viren und Gott-weiß-wer-da-vor-mir-dran-gehangen-hatte machte ich mir keine Gedanken, denn der Werder-Virus hatte mich ja bereits vor Jahren schon chronisch infiziert.

Immer wieder zog es grandiose Fußballer nach Bremen. Ich liebte die Kopfballwucht (und Haarpracht) von Kalle Riedle, freute mich über jedes Interview mit everybody’s Darling Marco Bode und genoss die nordische Coolheit von Dieter Eilts vor allem in Interviews. Später bestaunte ich die unnachahmliche Grazie eines Micoud, das wilde Genie von Diego und feuerte unsere Twin Towers Ismael und Krstajić an. Ich jubelte mit Kugelblitz Ailton und mit Kiwi Wynton Rufer feierte ich sogar meinen 18. Geburtstag (okay, er war der Freund & Nachbar meines Schulfreundes Thorsten und poppte nur deswegen abends während der Party kurz herein – aber für mich war das natürlich ein Highlight). 

Von 95 bis 99 aber ging es übelst bergab und die gruseligsten Namen und Gesichter zierten fortan sowohl das Spielfeld als auch die Trainerbank. De Mos, Döner, Sidka, Magath, die waren schon echt schwer zu verdauen. Erst 99 mit Schaf kam die langherbeigesehnte Wende. Nach dem legendären Meisterschaftssieg in München (Double 2004) folgten in der Schaaf/Allofs-Ära mit Frings, Naldo, Mertesacker, Diego, Klose und Klasnić noch ein paar tolle Jahre, aber das Feuer verblasste allmählich. Erst als ich mit Anfang 30 aus Bremen wegzog, keimte allmählich wieder sowas wie grün-weißer Patriotismus in mir auf. Je weiter ich vom Weserstadion entfernt war, umso größer wurde wieder meine Leidenschaft – und Leidenskraft. Denn nur noch sehr selten gab es „Wunder von der Weser“ oder überhaupt mal ein Spiel oder einen Spieler mit der Kraft, dem treuen Fan die Schuhe auszuziehen oder sich so anzuziehen, wie ich hier zu Weihnachten:

Wie gesagt, ich habe nunmal grün-weißes Blut und so bin ich Werder treu geblieben und werde es wohl bis ans Lebensende bleiben. Mittlerweile bin ich sieben Jahre älter als unser aktueller Trainer und in der nun 3-Jahre-alten Kohfeldt-Ära einen Lieblingsspieler zu nennen, fällt mir echt schwer. Pizarro abzufeiern war Pflicht, klar, aber der geht nun in Rente. Und ein Fin Bartels macht Spaß und hat auch mal einen Geistesblitz, aber ich kann mich nicht dran erinnern, dass er mal richtig fit war. Wie dem auch sei, ich fiebere trotz des wenig begeisternden Kaders noch immer jedem Spieltag entgegen, schaue die Spiele (sofern es zeitlich geht) auf Sky, schreibe mir parallel per WhatsApp mit meiner Mutter, die seit Jahrzehnten jedes Spiel mit meinem Vater live im Pay-TV schaut (mein Vater ist fürs Schreiben während der Spiele zu angespannt, aber meine Mutter moderiert und vermittelt für beide die Emotionen punktgenau). 

Und nun, nach 40 Jahren 1. Liga und dem Abrutschen in der Ewigen Tabelle auf Platz 3 hinter Bayern und Dortmund, wäre Werder gestern Abend fast wieder in die 2. Liga gegangen. Manche würden sagen, dass das doch egal sei. Es ist schließlich nur Fußball. Andere Fans hätten sich sogar gefreut, weil Werder nächste Saison sicher öfter mal gewinnen würde, und es endlich wieder echte Nord-Derbys gäbe gegen den HSV, gegen Pauli, gegen Hannover oder sogar mal gegen Kiel. Was soll ich dazu sagen? Alles Spekulation, alles Wunschdenken, alles Verzweiflung und Strohhalmklammerei. Wir sind nicht abgestiegen! Wir haben tapfer gegen den Fußballgiganten Heidenheim bestanden! Wir spielen weiter erstklassig! Ich freue mich und bin schon jetzt gespannt, wer in der kurzen Sommerpause gehen wird und wer neu in den Kader dazustößt.

So oder so gibt es bei Abstieg, Aufstieg oder Klassenerhalt in letzter Minute immer nur ein Motto: „Lebenslang Grün-Weiß!

 

 


 

 


 

 

It's just me (or at least a 21st century version of me)

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