Interview auf www.experiment-stille.de (06/2009)

Interview auf www.experiment-stille.de (06/2009)
Juni 1, 2016 Andreas Gloge

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Ungewöhnliche und spannende Hörspielgeschichten wachsen nicht auf Bäumen. Bei Gabriel Burns, Abseits der Wege und Point Whitmark entstammen sie der Feder des Schriftstellers Andreas Gloge. Myxin von Experiment-Stille.de führte ein angeregtes und sehr ausführliches Interview mit dem auskunftsbereiten Autoren, der seine Geschichten in Teamwork zusammen mit dem Produzenten Volker Sassenberg ersinnt.

 

Wie bist Du zum Schreiben gekommen?

Ich habe mir schon immer gern Geschichten ausgedacht. In der Schule haben wir oft Rollenspiele gespielt. Wir haben schnell gemerkt, dass diese Kaufabenteuer, die es gab, meistens demselben Muster gefolgt sind. Das wurde bald langweilig. Da bin ich, weil ich Sprache gern mochte, darauf gekommen, selber Geschichten zu schreiben. Erst Dinge, die wir gespielt haben. Je älter ich wurde, umso mehr reifte der Plan, mal ein Buch zu schreiben. Damit habe ich angefangen als ich sechzehn war, beendet habe ich es, da war ich sechsundzwanzig (lacht). Während des Studiums habe ich immer hier mal ein paar Seiten und da mal ein paar Seiten geschrieben. Nachdem ich so hundert Seiten zusammen hatte, habe ich mir die angesehen und gedacht „das ist ja alles Murks“ und immer wieder alles überarbeitet. So wurde das ein langwieriger Prozess.

 

Wie hat Dein Umfeld reagiert, als Du beschlossen hast, Romane zu schreiben? Gab es viel Unterstützung oder eher Zweifel?

Das wurde positiv aufgenommen. Meine Eltern haben gesagt „Egal was Du machst, wir finden es gut, wir unterstützten Dich“. Freunde fanden es klasse, vor allem die, die Gabriel Burns kennen und Hörspiele hören. Natürlich kommt immer automatisch die Frage „Kann man denn davon leben?“.

 

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Kann man denn davon leben?

Man kann davon leben, wenn man diszipliniert genug ist und den Output hoch hält. Das ist manchmal leicht, manchmal ist es extrem schwierig. Vor allem muss man viele Dinge unter einen Hut bekommen, Privatleben, Deadlines und so weiter. Das ist manchmal eine Herausforderung. Aber wenn man das schafft und wenn man jemanden hat, der einen dabei unterstützt, wie das zum Beispiel Volker Sassenberg macht, dann funktioniert das sehr gut.

 

Welche Bücher sind in Deinem Leben wichtig?

Ganz unterschiedliche Bücher aus ganz unterschiedlichen Gründen. Meistens waren es Bücher mit einem Fantasy-Touch. Das hat angefangen mit „Herr der Ringe“, den ich als Kind gelesen habe, gleichzeitig aber auch Science Fiction-Romane oder Romane von Neil Gaiman, wo man oft in realen Welten beginnt, dann aber merkt, dass es verschiedene Schichten gibt. So etwas fand ich immer faszinierend.

 

Gibt es Vorbilder, literarische Ahnherren, die Deine Art zu schreiben beeinflusst haben?

Beeinflusst höchstens von der Motivation, vom Stil her kann ich das schlecht sagen. Man muss schon seine eigene Stimme haben und seiner eigenen Neigung nachgehen. Man sollte nicht versuchen, irgendetwas zu imitieren. Sonst läuft man in eine Sackgasse. Als ich das erste Mal Tolkien gelesen habe, war ich fasziniert, wie es jemand schafft, mich über Tage in ein Buch hineinzuziehen. Und meine Mutter klopfte an die Tür und sagte „Komm runter, es gibt Mittagessen“, „Es gibt Abendessen“ und ich frage „Warum? Ich war doch gerade unten.“ Das Buchstaben es schaffen, alles um einen herum vergessen zu machen, das war schon ein starker Einfluss.

 

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Was zählt im Literaturbetrieb?

Als erstes zählt, dass Du überhaupt erstmal etwas schreibst. Man kennt das ja, dass Autoren Schubladen voll Ideen haben und irgendwann merken, sie haben noch keine dieser Ideen wirklich ausformuliert. Es bringt nichts, sich vorher zu überlegen „Wie kann ich das vermarkten?“, „An wen könnte ich mich damit wenden?“, denn der Markt ändert sich immer wieder. Es ist schwer vorauszusehen, was, wann, wo ankommt. Warum sagt ein Lektor „Das ist Murks!“, lacht sich tot und schickt es zurück und dann bekommt es ein anderer, bringt es heraus und verkauft es eine Million Mal?

 

Wie viele Stunden schreibst Du täglich?

Das variiert unglaublich. Es gibt Tage, da schreibe ich nichts. Da sitze ich da und versuche etwas und merke aber, dass der Kopf dicht ist, und es kommt kein Satz heraus, den ich irgendeinen Menschen auf der Welt zeigen möchte. Und dann gibt es wieder Tage, da setze ich mich hin und schreibe den ganzen Tag durch bis spät in die Nacht. Das ist natürlich eine Schwierigkeit, wenn man weiß, man muss irgendwann fertig werden. Man kann also nicht nur darauf warten, dass irgendwann dieser Flow kommt.

 

Wie dürfen wir uns das Schreiben praktisch vorstellen?

Ich versuche immer noch, morgens früh aufzustehen und zu schreiben. Ich verbringe meistens den Vormittag mit Recherche, mit dem Entwerfen von Storyboards und dem Durchsehen alter Sachen. Das eigentliche Schreiben beginnt in der Regel erst am Nachmittag oder gegen Abend, wenn ich ruhiger werde und draußen alles ruhig geworden ist. Dann bin ich weniger abgelenkt und kann mich besser fokussieren.

 

Schaffst Du Dir ein besonderes Umfeld, um besser schreiben können zu können?

Ich schreibe oft mit Musik im Hintergrund, um andere Geräusche auszublenden. Das sind meist Soundtracks von Computerspielen oder Filmen, natürlich eher die ruhigen Passagen. Ich suche mir in der Regel ein Lied heraus, das gerade zu dem passt, was ich schreibe, stelle auf Repeat und lasse es in einer Endlosschleife laufen.

 

Was bedeutet Schreiben für Dich? Arbeit? Vergnügen? Zwang? Obsession?

Spaß würde ich sagen. Natürlich ist der Zwang da, denn ich muss ja Geld verdienen, aber in erster Linie soll es Spaß machen. Ich muss die Dinge mögen, die ich schreibe. Ich muss mich mit Freude an den Computer setzen, selbst wenn ich manchmal denke, dass ich es am liebsten schon fertig hätte. Obsession ist so ein zwiespältiges Ding. Es gibt ja Autoren, wenn die eine halbe Stunde nichts geschrieben haben, bekommen die einen Rattermann. Das kann ich nun nicht behaupten.

 

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Wie viel Zeit beansprucht die Recherche, wie viel das Schreiben an sich?

Wir verwenden bei Gabriel Burns schon sehr viel Zeit auf Recherche, weil gewährleistet sein soll, dass die Dinge stimmen, die wir aus der realen Welt einbinden. Wir wollen möglichst dem Klischee entgehen und die gängigen Symbole vermeiden, die viele Leute schon aus anderen Filmen und Hörspielen kennen. Wir suchen lieber nach Dingen, die es noch im Dunkeln unter der Oberfläche gibt. Das kostet natürlich Zeit. Danach geht es erst ans Schreiben. 40% der Zeit geht wahrscheinlich für Recherche drauf und 60% fürs Schreiben.

 

Welche Aspekte Deines Schreibstils würdest Du als „typisch Gloge“ bezeichnen?

Seinen eigenen Stil zu beschreiben, ist schon schwer, denn ich schreibe nicht bewusst so. Ich sage ja nicht „Oh, jetzt habe ich wieder einen tollen Gloge eingebaut“. Das geschieht ganz unbewusst. Wiederum ist es so, dass Gabriel Burns einen bestimmten Stil bereits vorgibt. Ich kann nicht plötzlich dem Erzähler schmunzelnde Kommentare in den Mund legen wie bei Point Whitmark. Typisch Gloge ist es dann, wenn es mal mit diesen Konventionen bricht. Da sagt Volker schon mal „Das ist wieder typisch Gloge. Das streichen wir mal raus.“ (lacht).

 

Wie oft verbesserst oder veränderst Du den geschriebenen Text?

Oft. Bis die erste Fassung steht, liegt schon holpriger Weg hinter mir, weil so viele Dinge zu berücksichtigen sind: alte Folgen, Ausblick auf neue Folgen, bei denen manchen Hörern noch gar nicht bewusst ist, dass es ein Ausblick ist. Am Anfang erstellen wir ein Storyboard, in dem alles Szene für Szene zusammengefasst wird. Da kann man erkennen, welche Personen auftauchen, wie die einzelnen Szenen verlinkt sind und wie die ganze Geschichte funktioniert. Das wird diverse Male überarbeitet, und wenn das steht, geht es erst richtig ans Schreiben. Dabei merkt man womöglich, dass einige Sachen doch nicht so funktionieren wie gedacht und ändert alles wieder mehrmals. Am Schluss legen wir extrem Wert auf Sprache. Da sind wir sehr akribisch und achten darauf, dass wir keine Wiederholungen haben, dass man nicht ständig dieselben Floskeln benutzt, etc.

 

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Schreibst Du manchmal an einem Abend etwas, liest es am nächsten Morgen und denkst „Ohgottohgott“ und wirfst es weg? Oder sind es eher andere, die sagen „Ohgottohgott, wirf es weg“?

Es soll schon vorgekommen sein, dass das jemand zu mir gesagt hat. Auch, dass ich mir Dinge eine Stunde später noch einmal durchlese und denke „Huuuuh, da muss man aber nochmal ran“. Meistens ist es mir aber schon beim Schreiben klar, dass das noch nicht das Gelbe vom Ei ist, aber ich habe erstmal die Idee auf Papier gebannt. Mir ist dann bewusst, dass einfach noch Arbeitsschritte folgen. Am Schluss, wenn es vertont wird, muss der Text stimmen. Ich muss es mir hinterher anhören können, ohne bei jedem dritten Satz zu denken „Uuuuh… Das geht gerade noch so durch“ oder „Hätte ich es mal lieber anders gemacht“. Ich fände es ganz schrecklich, wenn ich beim Anhören einer fertigen Folge zwischendurch immer zusammenzucken müsste. Natürlich kann man es sich leicht machen und sagen „Warum soll ich jetzt zehn Stunden schreiben und mir ganz viel Mühe geben, wenn ich es schnell in fünf Stunden runterschreiben kann?“. Es ist legitim, wenn das jemand so für sich entscheidet. Aber wir haben eben entschieden, dass wir es immer so gut wie möglich schreiben wollen. Manchmal möchte man sich lieber mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, statt einen Text wieder und wieder zu bearbeiten. Unterm Strich können wir aber zu jeder Folge stehen, weil wir etwas Gutes abgeliefert haben. Das ist viel Wert.

 

Hast Du auch mal mit Schreibblockaden zu kämpfen?

Schreiblockaden weniger, eher Ideenblockaden. Ich schreibe für drei Decision-Serien und muss aufpassen, dass ich mich innerhalb dieser Serien nicht wiederhole. Wenn wir zum Beispiel gerade bei Point Whitmark ein großes Unwetter hatten, dann will ich bei der nächsten Gabriel Burns-Folge nicht wieder ein Unwetter haben. Dadurch bin ich etwas in meinen Möglichkeiten gehandicapt, weil ich einfach originell bleiben möchten. Zudem beschäftigen mich Fragen wie „Wie kann man eine Verfolgung darstellen, ohne dass es klingt wie beim letzten Mal?“, „Wie kann man Personen von einen Ort zum anderen bringen, ohne dass die schon wieder im Flugzeug sitzen?“.

 

Wie ist das, wenn Du ein Buch zu Ende geschrieben hast? Willst Du dann sofort damit anfangen, ein neues Buch zu schreiben, oder muss man das Geschriebene erst verdauen?

Wenn ich eine Geschichte abgeschlossen habe, bin ich meistens schon ganz heiß auf die nächste. Irgendwann ist man des Themas, an dem man lange gearbeitet hat, überdrüssig. Man will das Projekt dann abschließen. Es ist schön, wenn man alle Recherche-Links im Computer löschen kann, den Kopf wieder klar bekommt und neue Sachen angehen kann.

 

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Womit würdest Du Dein Geld verdienen, wenn Du kein Autor wärst?

Ich würde so eine Fanpage erstellen (grinst verschwörerisch) zu einem richtig guten Produkt.

 

Damit kann man Geld verdienen?

Damit kann man steinreich werden.

 

Den Trick muss ich mal rausbekommen.

Also ich kann mir einfach gar nichts anderes vorstellen. Mir macht der Umgang mit Sprache Spaß, und ich bin gern mein eigener Herr bei der Einteilung meiner Zeit. Für mich stellt sich die Frage nicht, weil ich sehr zufrieden bin mit dem, was ich mache.

 

Welche Hörspiele hörst Du selbst und mit welchen Hörspielen bist Du groß geworden?

Groß geworden bin ich mit den Klassikern, mit den Drei ???, mit TKKG, muss ich gestehen und mit den Fünf Freunden. Jan Tenner fand ich auch klasse und Masters of the Universe. Ich habe noch immer dieses Nostalgie-Feeling, wenn ich mir die anhöre. Natürlich fällt einem inzwischen auf, wie hanebüchen manche Dinge dabei sind, aber irgendwie sind die alten Sachen einfach schön. Mittlerweile höre ich eher querbeet. Ich höre immer gern mal in neue Sachen rein, z.B. von der Lauscherlounge oder von John Sinclair. Aber ich bin nicht mehr so drauf, dass ich alle CDs haben muss. Das ist mehr so ein selektives Reinhören, und ab und zu leiht mir ein Freund mal eine CD aus.

 

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Was fasziniert die Menschen Deiner Meinung nach an Gabriel Burns?

Das ist schwierig, denn so richtig weiß man halt nie, was die Leute hören wollen. Wenn ich zum Beispiel auf Experiment Stille lese wie eine Folge ankommt oder mir diese Umfragen nach der stärksten bzw. schwächsten Folge ansehe, ist ja festzustellen, dass die Meinungen weit auseinander gehen. Man kann einfach nicht sagen, dies oder jenes wird mit Sicherheit ankommen. Deshalb variieren wir so viel. Natürlich fasziniert die Qualität der Produktion, was die Musik und die ganze Soundakustik angeht. Da steckt so viel Arbeit drin, so viel Herzblut und Professionalität, und ich bin sicher, dass man das hört. Aber was inhaltlich nun der Stein der Weisen ist, das ist die Frage. Die Figuren, die wir geschaffen haben, sind irgendwo spannend, aber auch menschlich. Wir nehmen uns Zeit für zwischenmenschliche Szenen. Wir sind uns nicht dafür zu schade, mal einen Charakter, der einem am Herzen liegt, mit Schicksalsschlägen zu konfrontieren oder sterben zu lassen. Vielleicht ist das ein reizvoller Punkt, dass wir uns die Zeit nehmen, Entwicklungen stattfinden zu lassen.

 

Worin besteht für Dich der Reiz, an Gabriel Burns mitzuwirken?

Der Reiz ist unter anderem, über so einen langen Zeitraum eine Geschichte zu erzählen. Du weißt, die Handlung ist nicht nach sechzig Minuten vorbei. Es wird kontinuierlich weitergearbeitet und auf etwas hinausgesteuert. Diesen Zeitraum mit spannenden Wendungen und kleinen Etappen zu füllen und innerhalb dieser Etappen immer wieder eigene Ideen einzubauen, mit denen man vorher nicht gerechnet hat, das ist irgendwo der Reiz. Bei einigen Dingen ist es klar, was passiert, und andere Dinge sind dann auch für uns überraschend.

 

Wie hat es sich ergeben, dass Du für Gabriel Burns tätig wurdest?

Mit Volker Sassenberg war ich ja über „Abseits der Wege“ in Kontakt. Da hatte es sich ergeben, dass Volker und Raimon Weber, der die ersten sechzehn Geschichten verfasst hat, getrennte Wege gegangen sind. Ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte, auch für Gabriel Burns zu schreiben. Ja, hatte ich.

 

Kanntest Du die Serie vorher?

Ja, aber ich muss gestehen, ich hatte nicht alle Folgen gehört. Ich hatte nicht so richtig den Durchblick. Ich kannte die ersten sieben, acht Folgen, war aber arg verwirrt. Meine Lieblingsfolge war „Die Fänge des Windes“; „Nebelsee“ fand ich atmosphärisch sehr stark. „Der Flüsterer“ habe ich viermal gehört, bis ich überhaupt verstanden habe, was in der Handlung vor sich geht, weil ich es damals nicht gewohnt war, Hörspiele so fokussiert zu hören. Ich habe viele Hörspiele nebenbei laufen lassen, während ich irgendetwas anderes gemacht habe. Bei Gabriel Burns hat es mich sehr frustriert, dass das anfangs nicht ging. Da musste ich lernen, mal ein bisschen runterzuschalten und mich auf das zu konzentrieren, was ich höre.

 

Wie hast Du Dich in die Gabriel Burns-Thematik eingearbeitet?

Wir haben natürlich im Vorwege viele Gespräche geführt. Ich musste erstmal im Kopf sortieren, welche Erwartungen ich selber an die Serie hatte. Ich habe überlegt, was meine Theorien und Ideen sind und habe dies abgeglichen mit dem, was Volker mir über das Konzept der Serie erzählt hat. Das war ein ganzer Kosmos, den ich mir erstmal aneignen musste, um ihn dann noch um eigene Vorstellungen zu erweitern.

 

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Was hat sich für Dich persönlich geändert, seit Du bei Gabriel Burns eingestiegen bist?

Für mich ist es ein Luxus, dass ich meine Zeit kreativ verwenden und mir Geschichten ausdenken darf. Das erleichtert das Leben, gleichzeitig erzeugt das aber einen Druck, denn ich muss mir ja ständig Geschichten ausdenken, wenn ich davon leben will. Plötzlich bekommt man Feedback von Leuten, die man überhaupt nicht kennt und merkt, da beschäftigen sich Menschen mit dem, was Du auf die Beine gestellt hast. Das ist faszinierend.

 

Wo konntest Du bei Gabriel Burns neue Impulse setzen, die es ohne Dich nicht gegeben hätte?

Volker Sassenberg: Dazu kann ich etwas sagen. Seit ich mit Andreas zusammenarbeite, hat das Ganze etwas sehr Strukturiertes. Wir haben jetzt endlich eine Arbeitsweise, bei der man weiß, wo man anfängt und wo man aufhört. Es hat nicht so etwas Kreativchaotisches, sondern es verläuft in ganz konkreten Bahnen. Ich mag das sehr. Nur unter der Voraussetzung kann man im Team arbeiten.

Andreas Gloge: Zu dem Zeitpunkt, als ich dazu gestoßen bin, existierten ja sehr viele offene Enden. Es war aber noch nichts wirklich zusammengeschnürt. Der ganze Teppich lag ausgebreitet, aber es war der Zeitpunkt, an dem Volker und auch die Fans sagten, dass es doch mal ganz nett wäre, wenn man beginnt, alles ein bisschen zusammenzubringen. Vielleicht konnte ich da Impulse setzen. Das war sicherlich ein wichtiger Moment innerhalb der Serie.

 

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Was war für Dich bei Gabriel Burns bisher die größte Herausforderung?

Eigentlich möchte ich doch gerne alle Fragen beantworten und alles auf den Tisch legen, gleichzeitig muss man die Sache interessant halten. Man darf einige Dinge erklären und andere nicht. Man darf auch hin und wieder ein neues Fass aufmachen, das aber einen Bezug zur alten Geschichte haben muss. Da immer das richtige Maß zu finden ist schwierig, aber auch ungeheuer spannend.

 

Wer ist Dein Gabriel Burns-Lieblingscharakter und warum?

Larry bereitet mir viel Spaß, denn er ist derjenige im Gabriel Burns-Kosmos, der mehr oder weniger noch der Normalste ist. Der wird mit diesen wirklich absurden Dingen konfrontiert und mit sehr extremen Spielpartnern. Er hat diesen seltsamen Bakerman an seiner Seite, Joyce Kramer ist nicht gerade die einfache Kollegin, mit der er mal eben einen Kaffee trinken gehen kann, und auch Steven Burns ist eher von der ungewöhnlichen Sorte. Wie er zwischen all diesen Verrückten manövriert und versucht, dabei nicht selber durchzudrehen, wie er dabei noch seinen Humor behält, das macht schon Spaß.

 

Ist es schon einmal passiert, dass sich Dinge rund um Gabriel Burns in Deine Träume geschlichen haben?

Ich hatte mal so einen Traum. Der hatte irgendwie mit Joyce zu tun, war aber keiner von der schlüpfrigen Sorte. Sonst hätte die mir wahrscheinlich auf die Finger geklopft. Ich bekomme den aber nicht mehr zusammen.

 

Die Gabriel Burns-Geschichten sind bekanntermaßen ein Teamwork-Ergebnis. Wie läuft das praktisch ab?

Volker und ich betrachten immer erstmal, was in der letzten Folge passiert ist. Was wurde aufgedeckt und was wurde angedeutet? Wo kann man anknüpfen? Wir entscheiden ziemlich schnell, welches Thema wir vorantreiben, welcher Spielort und welches Geheimnis im Vordergrund stehen wird. Danach beginne ich, auf dieser Basis ein Storyboard zu entwerfen. Das präsentiere ich Volker, der seine Ideen beisteuert. Darüber wird erstmal viel diskutiert und daran gefeilt. Überflüssige Dinge fallen heraus, die interessanten werden ausgebaut, bis dann ein Storyboard steht, das Hand und Fuß hat, mit einer Geschichte, die lohnt, erzählt zu werden. Als nächstes geht es ans eigentliche Schreiben der Szenen und Dialoge. Anschließend beginnt die Akribie, die Sprache noch mal zu verfeinern auf das Niveau, das wir von Gabriel Burns gewohnt sind.

 

Worin liegt der Vorteil bei dieser Vorgehensweise?

Das Gute daran ist, dass man sich, da es Teamwork ist, nicht so schnell verläuft. Man gerät nicht so leicht in eine Ecke, die man zunächst ganz toll findet, in der man es sich gemütlich einrichtet, bei der man aber irgendwann merkt, so interessant ist die Geschichte doch nicht; es geht an dieser Stelle nicht weiter, und man weiß nicht, wie man wieder herauskommt. Da wir uns im ständigen Dialog befinden, wird immer schnell klar, wenn irgendetwas nicht an der Geschichte stimmt, wenn etwas nicht logisch oder nicht fesselnd genug ist. Der Nachteil an unserem Verfahren ist, dass man gerade bei Burns vieles im Kopf schon vorher durchspielen muss. Zu schreiben ist dann meistens nur noch das, was man schon besprochen hat.

 

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Was bereitet Dir am meisten Spaß bei der Entwicklung einer Gabriel Burns-Geschichte?

Das ist meistens der Anfang oder das Ende meiner Arbeit. Zu Beginn ist die ganze Recherche spannend, mich in eine Materie eines Themas einlesen und herausfinden, was man davon für Gabriel Burns nutzen kann. Wenn man später das Skript geschrieben hat, macht es viel Spaß die letzten Feinheiten daran vorzunehmen. Man freut sich über jeden Satz, den man einloggen kann. Das sind die beiden Höhepunkte für mich bei der Entwicklung.

 

Wie unterscheidet sich die Arbeit an einem Hörspielskript im Vergleich zu einem Roman?

Beim Hörspielskript musst Du die ganzen Geräusche berücksichtigen. Du kannst die Personen beim Hörspiel nicht zehn Minuten in einen Raum einsperren und einfach nur reden lassen. Das könnte unter Umständen langweilig werden. Man hat beim Hörspiel nicht viel Zeit zu verschwenden. Man muss immer dafür sorgen, dass etwas für die Ohren passiert. Beim Roman kann man sich Zeit lassen. Da hat man mehr Raum und Platz, und man kann ruhig mal mehrere Seiten lang ein ausführliches Gespräch schreiben. Beim Roman ist es nicht so schlimm, wenn Du zwei oder drei Sätze zu viel hast. Beim Hörspiel kann das schon stören. Beim Roman hat man viel mehr Spielmöglichkeiten, und es wäre schade, die nicht zu nutzen, gerade, was innere Monologe angeht.

 

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Wie gehst Du mit negativer Kritik an Deiner Arbeit um?

Das hängt natürlich stark von der Kritik ab. Manches interessiert mich überhaupt nicht, anderes nimmt man sich zu Herzen. Dazu muss man natürlich selbstkritisch sein. Aus jedem Fehler, der einem vorgehalten wird, kann man lernen. Man darf aber auch nicht gleich in sich zusammenfallen, nur weil einer meint, eine Folge sei Mumpitz. Bei Kritik liegt oftmals nur der persönliche Geschmack zu Grunde, deshalb muss man differenzieren, ob die Kritik wirklich gerechtfertigt ist, weil zum Beispiel gewisse Dinge falsch sind oder fehlinterpretiert werden können. Von so etwas kann man nur profitieren.

 

Welche Grenzen (inhaltlicher oder konzeptioneller Art) gibt es bei Gabriel Burns, die nicht überschritten werden dürfen?

Es gibt natürlich die stilistische Grenze, denn da gibt es eine klare Vorgabe, wie Gabriel Burns zu schreiben ist. Inhaltlich setzen wir uns keine definitiven Grenzen. Damit würden wir uns den Reiz nehmen, Themen zu bringen, mit denen keiner rechnet. Wobei es nicht unser Ziel ist, nur deshalb etwas Abgefahrenes reinzuschreiben, um etwas Abgefahrenes bringen zu können. Es muss auch einen Sinn für die Geschichte erfüllen und zu etwas führen.

 

Hattest Du beim Schreiben jemals Zweifel, ob der Gabriel Burns-Plot nicht stellenweise zu brutal geraten ist?

Wenn wir Brutalitäten einbauen, dann ist es nicht, weil wir noch mal eben einen Splattereffekt reinmischen wollen, sondern weil es etwas aussagen soll. Manchmal gerät es comichaft, was aber bewusst so gemacht wird. Manche Szenen sind so superheftig, dass wir versuchen, es so zu steuern, dass man es nicht ganz so ernst nimmt. Gleichzeitig ist es aber ein Stilmittel, das in diese Welt gehört. Es ist eine Serie mit Horrorelementen und deshalb ist es einfach sinnvoll, dass dort Menschen und Kreaturen agieren, die brutale Dinge anstellen. Es wäre albern, wenn immer alle vor den Grauen Engeln weglaufen, aber die Grauen Engel machen immer nur „Buh“ und nie passiert etwas. Dadurch, dass Gabriel Burns stellenweise brutal ist, darf sich niemand bei den Charakteren sicher fühlen.

 

Was ist das für ein Gefühl, wenn Du eine Gabriel Burns-Geschichte, die Du als gedrucktes Wort abgeliefert hast, zum ersten Mal als zum Leben erwachtes Hörspiel hörst? Deckt sich das Gehörte mit den Vorstellungen, die Du beim Schreiben hattest?

Neugierig bin ich immer auf die Stimmen. Oft decken sie sich mit dem, was ich vorher im Kopf hatte, aber nicht immer. Ich finde das sehr spannend. Die Schauspieler sprechen ja nicht einfach nur nach, was da steht, sondern interpretieren auch hinein. Manche Nebenfiguren haben wir vielleicht nur eingestreut, weil sie der Geschichte dienen und man merkt plötzlich, sie gewinnen so durch diesen Sprecher, dass man Lust bekommt, die Figuren weiter aufzubauen. Was ich mir beim Schreiben nicht vorstellen kann, ist natürlich die Musik. Ich kann mir vielleicht denken, dass an einer Stelle eine traurige Musik eingesetzt wird, aber ich weiß nicht, ob da zum Beispiel ein Chor kommen wird oder Streicher. Das zieht mir jedes Mal den Boden weg, wenn ich höre, was Decision da leistet.

 

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Ist es Dir derzeit eigentlich noch zeitlich möglich, eigene Romanideen unabhängig von Decision zu verwirklichen?

Nur sehr bedingt. Ich schreibe für Decision derzeit drei Serien und das ist schon eine Hausnummer. Natürlich habe ich schon mal Lust, Dinge zu schreiben, die sich nicht in diesen drei Welten abspielen. Die halte ich natürlich fest und will sie irgendwann mal schreiben. Nur, rein zeitlich gesehen, bin ich sehr eingeschränkt und ausgelastet.

 

Was können die Gabriel Burns-Hörer als nächstes von Dir erwarten?

Die Reise wird noch ein wenig düsterer als bisher. Vor allem wird auch im wörtlichen Sinne gereist, unter anderem an Orte, von denen sich einige Gabriel Burns-Hörer gewünscht haben, dass es da mal hingeht. Außerdem wird auch in naher Zukunft klar, was mit Steven passieren wird oder schon passiert ist. Mit Steven steht und fällt die ganze Serie. Deshalb ist es unheimlich wichtig, dass man nicht zu viel und nicht zu wenig von ihm preisgibt. Da kommt noch einiges auf uns zu.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

It's just me (or at least a 21st century version of me)

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