Der Erbe des grauen Lesens

Der Erbe des grauen Lesens
April 2, 2017 Andreas Gloge

Als Kind und Jugendlicher habe ich mindestens einen Roman pro Woche gelesen, später als es Richtung Abitur ging immerhin noch einen im Monat. Während der Studienzeit konnte ich das Pensum der Belletristik irgendwie noch annährend mit einigen Schwankungen halten, ergänzt durch Sekundärliteratur, Theaterstücke, Gedichtbände und andere Schätze der anglistischen Literatur. Dann aber brach mein Leseverhalten nach und nach zusammen, ebenso wie Ruhe/Konzentration/Muße/Muse/Frieden/Entspannung/whatever, die ich brauche, um mich auf fiktive Geschichten einzulassen. Das Drehen des Real-World-Gedankenkarussells hat die Buchstaben seither immer hervorragend verdreht, sobald ich sie im Kopf beim Lesen zusammenfügen wollte. Stupid brain! Im Laufe der vergangenen 15 Jahre haben sich dann an die 100 Bücher auf den Regalen angesammelt, die ich zwar begierig zusammengesammelt aber nie gelesen habe. Obwohl ich sie lesen will.

Aber zwischen WOLLEN und KÖNNEN und TUN liegen manchmal Welten…

Die Gründe hierfür sind vielfältig, wie alles im Leben. Einige sind mir vermutlich unbekannt, andere sind mir sehr deutlich bewusst. Ich hoffe, dass ich irgendwann noch einmal die Kurve kriege und zu einer neuen Form des regelmäßigen Bücherlesens finde. Inklusive der dafür für mich nötigen Ruhe/Konzentration/Muße/Muse/Frieden/Entspannung/whatever, aber manche Dinge sind wie sie sind oder geworden sind. Stupid brain…

Umso interessanter war es für mich, vor einigen Wochen mal wieder ein Buch gezielt in die Hand zu nehmen. Und dann auch noch mein eigenes, na so was. Den genauen Anlass weiß gar nicht genau mehr, aber irgendwie war ich eines Abends neugierig, was und wie ich damals mit Anfang 20 so geschrieben hatte.

Ich muss ganz pauschal gestehen, ich war noch nie gut darin, meine eigenen Geschichten zu lesen, vorzulesen oder auch nur darüber zu sprechen. Mir fallen dabei immer sofort Dinge auf und ein, die besser hätten sein können – oder zumindest anders. Denn jedes künstlerische Werk ist immer ein Kind seiner Zeit so wie der Künstler ein Kind seiner Zeit ist. Und die Zeit schreitet voran. Sie verändert Dinge in der Außen- und Innenwelt eines jeden von uns. Also kurzum, ich empfinde oft Scham, Unruhe und Unzufriedenheit beim Lesen und Vorlesen meiner eigenen Sachen. Ganz gleich, ob die Geschichte tatsächlich einfach mies ist oder mir die Geschichte richtig gut gefällt. Völlig egal.  Ich höre immer nur diese allwissende, clevere Stimme in meinem Kopf, die kopfschüttelnd säuselt: „Das ist ja wohl nicht dein Ernst, oder? Das geht aber doch noch viel besser…“

Deswegen habe ich wohl auch meinen ersten Roman „Die Erben der grauen Erde“ seit seiner Veröffentlichung vor gefühlten drei Jahrhunderten nie mehr in die Hand genommen. Die Angst, über Rechtschreibfehler zu stolpern oder in Adjektiv-Orgien zu versinken war mit jedem Jahr gewachsen und mit ihr die Überzeugung, dass dieses Werk am besten in einen Tresor gehört, der bis zum Jüngsten Gericht mit Stahlketten ummantelt auf dem Grund des Meeres zu liegen habe.

Doch aus einer nostalgischen Laune heraus ertappte ich mich nun vor einigen Wochen dabei, das Buch doch tatsächlich in die Hand zu nehmen, zu entstauben und ohne Absicht, Vorsatz oder Zielsetzung in meinen Rucksack zu betten – einfach so, als Rückenlastbeschwerer (das olle Biest hat ja über 540 Seiten) und BMI-Schmeichler beim alltäglichen Hausverlassen, nur um mich kurz darauf mit den ersten Seiten aufgeblättert in der Bahn wiederzufinden. Mittlerweile habe ich die Hälfte geschafft, zugegebenermaßen in mühsamer Kleinarbeit und nur dank der aufgezwungenen Auszeiten in der Bahn. Und ich muss zu meiner Verwunderung gestehen, dass es mir doch eigentlich ziemlich gut gefällt – trotz der Fehler, trotz der Adjektive, trotz seines jugendlichen Pathos und trotz der Tatsache, dass es ja ein Kind seiner und meiner Zeit ist. Die Geschichte ist so geschrieben, wie sie damals geschrieben werden musste – von der Version Mensch, die ich damals war.

Mich überrascht immer wieder, wieviel von der Geschichte ich vergessen habe und an welchen Passagen ich mich nahezu exakt an den genauen Wortlaut erinnere. Gleichzeitig lehrt mich die Lektüre, dem ewigen Streben nach Perfektion einen Tritt in den Hintern zu geben und loszulassen – nicht nur in Hinblick auf „Die Erben der grauen Erde“, sondern auf viele vergangene Dinge im Leben. Aber wie schon erwähnt, zwischen WOLLEN und KÖNNEN und TUN liegen oftmals Welten…

…oder um es mit Terri Windlings Worten über das Schreiben (und das Leben) zu sagen:

A Writer’s Prayer

Let me forgive myself for the stories that are not perfect,
for the scenes rushed through and the plot points fumbled,
and the language less than it ought to be,
and the phrases that make me wince
even though no one notices but me.

Let me forgive myself for the stories I didn’t write,
didn’t finish, or didn’t let anyone see –
because I was too busy, too lazy, too tired, too frightened,
because I was living my life, or saving my life,
because I was falling in love, or falling out of love,
because I had run out of words, or room, or time,
let me forgive myself for all those stories
that live inside me
and not on the page.

Let me forgive myself for my failures, but also
for all those times when I tallied my shortcomings
instead of celebrating each small success.
Let me celebrate now:
not the life that I dreamed of, but the life that I have,
not the stories that I dreamed of, but the stories that I’ve made,
not the writer I imagined I’d one day be, but the writer that I am.

And then let me keep working.

 

It's just me (or at least a 21st century version of me)

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