Auge auf für den Piloten

Auge auf für den Piloten
April 28, 2017 Andreas Gloge

Wir leben in einer Zeit der medialen Überschwemmung: Filme, Serien, Internetformate, Musik, Fotos und so weiter. Was heutzutage auf einen Stick passt, das reicht, um einen ein ganzes Jahr 24/7 zu beschäftigen. Und da liegen schon so einige Sticks in der Schublade und ständig kommen neue hinzu… Arrrgh!

Das alles kann natürlich supergut den Horizont erweitern, inspirieren und dafür sorgen, dass man nichts Mittelmäßiges mehr schaut, sondern nur noch Serien und Filme (um in dem Metier mal zu bleiben), die einem persönlich total gefallen.

Gleichzeitig führt es dazu, dass man sich echt schnell überfordert fühlen kann. Dauernd kommt jemand vorbei und legt einem wieder eine neue Serie ans Herz, die man unbedingt gesehen haben MUSS. Das Gefühl, etwas zu verpassen oder den Berg an Sticks nicht mehr aufarbeiten zu können, wächst. Statt die einzelnen Dinge bewusst und in Ruhe zu genießen, artet es aus in ein gehetztes Abhaken der immer größer werdenden 2-see-Liste, die sich ähnlich schnell füllt wie das Trinkhorn des Utgardloki.

Wenn dann noch vom Regal das ein oder andere Buch dir zuflüstert, dass es doch nun wirklich mal gelesen werden will, bleibt nur der verzweifelte Aufschrei: „Waaaaaann denn noch?“

Und die Moral von der Geschicht‘?

Augen auf bei der Serienwahl!

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Anyway, das alles nur als Einleitung zur Pilotfolge von O A S I S, über die ich eigentlich was schreiben wollte. Und die wieder für eine Serie stehen kann, die man (ich) gesehen haben muss – sofern sie denn jemals in Produktion geht…

Momentan kann man sich hier noch die ganze Folge kostenlos ansehen:

https://www.amazon.de/dp/B06VXZ6DQW

Amazon startet nämlich seine jährliche Pilot-Season, in der abgestimmt werden kann, welche von Amazon gestützte Serie umgesetzt wird. Die Pilots sind eigentlich immer extrem gut besetzt und inszeniert. Hier werden keine Kosten oder Mühen gescheut. OASIS basiert dabei auf dem Roman „The Book of Strange New Things“ von Michel Faber, den ich aber bislang noch nicht gelesen habe.

Und warum schreibe ich jetzt über den Pilot von OASIS?

Weil mich die Folge überraschenderweise sehr beeindruckt hat! Das hat zum einen natürlich viele komische, seltsame, verborgene, persönliche und individuelle Gründe – so erinnert mich z.B. der religiöse Aspekt inmitten einer ungastlichen Umgebung an meine geliebte Serie Carnivàle, die ja leider nach zwei Staffeln abgesägt wurde, nur eben nicht mit Magie und Mystik gewürzt, sondern mit Sci-Fi und eben Mystik. Ihr merkt schon, mit Mystik kriegt man mich (fast) immer rum. Außerdem hatte ich vorher null Erwartungen und letztendlich ist es natürlich immer eine Sache des Geschmacks und der Tageslaune…

Zum anderen aber macht die Folge ganz grundsätzlich einfach sehr viel richtig, was Drehbuch und Inszenierung einer Pilotfolge im Allgemeinen betrifft. Und das soll hier nicht unerwähnt bleiben:

Prämisse

In naher Zukunft wird der Priester Peter Leigh ins Weltall geschickt, um bei der Gründung einer neuen Kolonie zu helfen. Ein internationales Firmenkonglomerat errichtet diese auf dem Planeten Oasis – für die Menschheit ist das die letzte Chance, vor dem bevorstehenden Weltuntergang zu fliehen. Doch Oasis stellt sich als nicht so gastfreundlich heraus wie gedacht. (Amazon-Teaser-Text)

Einstieg

London im Jahre 2032: Chaos, Hungersnöte und Krankheiten! Die Gesellschaft steht am Rand des Zusammenbruchs. Ein klassisches Endzeit-Setting, das aus unzähligen Sci-Fi-Geschichten bekannt sein dürfte. Nix neues, aber dadurch vertraut und schnell zu akzeptieren. Man braucht nur wenige Worte bzw. Bilder, um diesen Hintergrund zu präsentieren.

Das spart Zeit, denn gerade in einer Pilotfolge ist jede Minute kostbar.

Es wird auch nicht auf apokalyptisch anmutende, weltumfassende vertraut, sondern wir erleben das Setting nebenher, indem wir die Hauptfigur, den Priester Peter Leigh (Richard Madden) begleiten. Okay, da laufen kurz Nachrichten im Background, die klassische Hintergrund-Informationen über Setting vermitteln. Dazu das Sterben seiner Frau an eben den Folgen dieser heruntergekommenen Umwelt (gibt er sogar Sterbehilfe?), die bittere Essensausgabe an Kinder im Slum, dazu einige schnelle Impressionen und das reicht als zufriedenstellendes Gerüst. Wir wissen, wo wir uns befinden.

Und wir sind erst bei Minute 3 von 60 Minuten.

Weiter mit der Story: Peter bekommt ohne weitere Umschweife seine Mission. Er weigert sich. Hierbei wird ein Fenster zur Vergangenheit leicht geöffnet und wir erfahren, dass er, seine Frau und sein Auftraggeber David Morgan offenbar eine gemeinsame Vergangenheit haben. Konfliktpotential wird angedeutet, Spannung aufgebaut, Erwartungen geschürt.

Aber wieder gilt: nicht viel Zeit verlieren! Das ist der Pilot! Wir müssen so schnell wie möglich zum Kern der Serie vordringen. Das ist ja alles noch Einleitung!

Wir sind aber auch erst bei Minute 5 (von 60).

Also flott noch das Space-Center gezeigt, durch ein paar Tests und gute Dialoge ein bisschen Charakterisierung für Peter eingestreut, dann ab in die Rakete und der Trip beginnt!

Darauf hat der Zuschauer gewartet: Es geht nach Oasis…

Wir sind jetzt bei Minute 12 (von 60).

Etwa ein Fünftel der Folge ist rum und nun beginnt das Erzählen in dem Tempo und Stil, wie es vermutlich auch in den anderen Folgen stattfinden wird. Der Prolog ist vorbei. Nun beginnt der zweite Teil der Einleitung, und das in konkreterem Bezug zur langfristigen Handlung.

Story

Peter erwacht also auf OASIS und er ist der Freak unter den Freaks. Ein Priester im All unter lauter seltsamen Ingenieuren, Soldaten, Kommandanten. Der spirituelle Exot mit dunkler Vergangenheit – die durch sein Rauchen, seine vielen Tattoos, den Blick, die verlorene Frau und vieles mehr angedeutet wird – auf der Suche nach dem Sinn seiner Mission, seiner Existenz und seinem Dienst für Gott.

Schnell wird klar, dass der Planet mit den Wahrnehmungen, Gefühlen und Erinnerungen der Menschen spielt. Emotionales Chaos ist vorprogrammiert. Das macht neugierig, wer sich langfristig wie verändern wird. Und warum das überhaupt so ist… Also schon mal gleich zwei Mysterien, auf deren Entwicklung man sich bei noch kommenden Folgen freuen kann.

Dazu ist Peters einzige Verbindung zu früher (David Morgan) verschollen. Und damit ebenso der Grund, warum er überhaupt hierher gerufen wurde. Wieder zwei Mysterien, die hinzukommen.

Die nächsten Fragen sind geheimnisvolle Todesfälle, die Motivationen der einzelnen Charaktere, die zwischenmenschlichen Verbindungen der Figuren sowie der Planet OASIS als solcher, der erst noch richtig erkundet werden muss. Ist er bewohnt oder nicht? Welche Gefahren und Geheimnisse birgt er? Und so weiter und so fort.

Auf jeden Fall ein sehr rundes und spannendes Setting, das neugierig macht auf mehr…

Wichtig dabei ist, dass die Grundidee klar vermittelt wird und der Zuschauer zu jeder Sekunde zu wissen glaubt, wo er sich befindet und dass man die Hauptfigur (Peter Leigh) auf dessen Abenteuer und Entdeckungsreise (intern wie extern) begleiten will!

Cliffhanger

Peter ergreift die Initiative. Er will herausfinden, warum er hierher bestellt wurde. Er wird zum ersten Mal mit den Phantomen des Planeten und seiner eigenen Vergangenheit in geisterhafter Gestalt seiner toten Frau konfrontiert! Wow, das ging schnell, denken wir, und CUT!

Charaktere

Hier wird das Rad sicher nicht neu erfunden. Aber warum ändern, was funktioniert:

Outsider auf einem entfernten Planeten, jeder mit eigenem emotionalen Psycho-Vergangenheits-Ballast im Gepäck – da kann ja schon mal wenig schiefgehen, denn interessante Konflikte sind vorprogrammiert.

Die Bewohner von OASIS sind hierbei recht gut gewählt. Alles keine Hochglanz-Abziehbilder, auch wenn einige noch etwas blass wirken. Aber jeder ist auf seine oder ihre Art strange, verdächtig und attraktiv zugleich und könnte als nächster Todesfall auf dem Planeten herhalten. Das hält die Spannung und Identifikationsmöglichkeiten aufrecht.

Richard Madden steht natürlich hier im Zentrum und er gibt den charismatischen Antihelden als Priester mit dunkler Vergangenheit und verlorener Liebe sehr überzeugend: roughes (aber dennoch ziemlich gutes) Aussehen & lässigem Charme gepaart mit (noch unerklärt vielen) Tattoos und diesem traurigen Blick. Dazu noch der herbe schottische Akzent! Bingo! Ich hoffe, dass er länger durchhält als bei Game of Thrones. Und als zentrale Hauptfigur wird er das wohl auch. Die Frage ist eher, ob/wie er sich durch den Planeten verändert.

Atmosphäre / Tempo / Setting

Die Erzählweise ist ruhig, fast schon psychedelisch und vertraut auf starke, eindringliche Bilder.

Die Musikuntermalung ist dezent und mehr oder weniger nur durch „echte“ Musik-im-Setting gesteuert.

Die Sounds sind klassisch Sci-Fi, also eher technisch-kühl.

Und die allgemeine Atmo hat eine leichte Lynch-artige Gänsehautqualität.

Auch der Schnitt ist eher ruhig und fügt sich so in die hypnotische Bilderwelt ein, die durch viele Close-Ups auf Augen oder Details und einige künstlerische Unschärfen geschickt ergänzt wird.

Wie gesagt, es wird weniger den Worten vertraut als vielmehr den Bildern und Blicken. Wobei schon viel gesprochen wird, aber die Dialoge beschränken sich auf das Nötigste, es gibt wenig Geschwafel und doch reicht es zum Glück noch, die gängigen Dialog-Klischees einigermaßen geschickt zum umschiffen und mit etwas gelungenem Wortwitz die Charaktere sowie das Setting zu beleuchten.

Das alles fügt sich rasch zu einem großen Ganzen, sodass die generelle Atmosphäre der Serie deutlich wird. Wer also auf flotte Action steht, zappt vermutlich bald gähnend auf einen anderen Kanal. Wer auf mysteriöse Spannung auf fremden Planeten und zwischenmenschliche Abgrunderkunden steht, darf hoffen!

Fazit

Diese Pilotfolge weiß, was sie tut bzw. was sie tun muss, um Lust auf mehr zu generieren. Sie zeichnet ein plakatives Bild des Settings auf der Erde (wo der Zuschauer gut und schnell abgeholt wird) und steigt dann zügig in die eigentliche Story ein (auf OASIS).

Hierbei ist die mysteriöse, spannende Atmosphäre sehr stimmig, die Hauptfigur interessant und die Handlung wirft mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt, ohne dabei zu sehr zu verwirren…

Ich hoffe, das Konzept hinter der Serie macht am Ende ebenso viel Sinn (siehe als Negativbeispiel LOST), dann dürfte OASIS uns noch viel Freude und Herzklopfen bereiten.

 

It's just me (or at least a 21st century version of me)

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